Gewalt in Videospielen: Warum „Hatred“ anders ist als GTA

Das momentan am kontroversesten diskutierte Spiel zum Thema „Gewalt in Games“ ist ohne Zweifel „Hatred“, das erste Projekt eines polnischen Indie-Entwicklers namens Destructive Creations.

Erfahren habe ich davon durch ein Video eines von mir abonnierten YouTubers, in dem der Trailer enthalten war. Was ich dort sah, fand ich tatsächlich derart abstossend, dass ich das Video vorspulen musste. Das hatte bisher noch kein Videospiel geschafft.
Eine sehr häufig vertretene Meinung zur extremen Gewalt in Hatred ist, dass GTA, Mortal Kombat und ähnliches im Prinzip das gleiche seien und es da auch nicht denselben Aufschrei gibt. Ich will dem hier widersprechen…

Fassen wir das Gezeigte zusammen: Wir sehen einen unbekannten Protagonisten, der sich bewaffnet und dabei einen Monolog hält (siehe Bild). Darin erzählt er, wie sehr ihn die Welt und die Menschen anwidern, dass er sich wünsche gewaltsam zu sterben und dabei so viele wie möglich mitzunehmen.
Das ganze geht dann über in einen isometrischen Shooter, der Zombies durch normale Menschen ersetzt; unschuldige Männer und Frauen, Polizisten und Zivilisten werden massenweise umgebracht. Auch dabei sind vereinzelte, besonders brutale Hinrichtungen in Nahaufnahme. Und nein, die Grafik ist nicht comichaft oder in einem speziellen Artstyle (ausgenommen der Schwarz/Weiss Effekt) gehalten. Sie ist maximal realistisch. Und nein, nichts an der Gewalt ist satirisch überzeichnet und absurd. Sie sieht aus, wie Gewalt aussieht. Die Schauplätze sind erschreckend vertraut und lassen sofort Erinnerungen an reale Verbrechen wach werden, die damals natürlich alle Teil der ewigen Debatte über die potentielle Schädlichkeit von Videospielen waren. Ein weiterer Unterschied zu Spielen „wo man ja auch tötet“, sind die Opfer: In Hatred sind diese keine leblos wirkenden NPCs, die einfach umfallen, wenn sie getroffen werden. Man hört sie panisch schreien, um ihr Leben flehen. Egal ob das am Ende nur auf einige gescriptete Hinrichtungen zutrifft oder nicht, es spielt eine wesentliche Rolle dabei, warum dieser Trailer so verstörend ist. Einen Link gibt es von mir nicht. Wer den Trailer sehen will, wird ohnehin keine Probleme haben, ihn zu finden. Ich rate sehr davon ab, aber das muss jeder für sich entscheiden.

Zusammengefasst lässt sich das, was man bisher vom Spiel gesehen hat, als Amoklauf-Simulation bezeichnen. Es gibt keine eigentliche Story. Man mordet des Morden wegens. Das war zwar im Endeffekt auch die Story eines Hotline Miami, aber dieses war A: Nicht realistisch und hatte B: Eindeutig eine Aussage. Es war ein zynischer Kommentar auf eben diese endlose Debatte.
Hatred hingegen beinhaltet nichts davon. Sogar die Entwickler selbst betonen, dass der Fokus ausschliesslich auf dem Gameplay liegt, welches offenbar aus nichts als Töten besteht. Sie verstehen ihr Werk als Antwort auf politische Korrektheit in Spielen, auf farbenfrohe Settings und auf die Frage, ob Videospiele Kunst sind.
Das kann man so sehen. Ich allerdings sehe eine sehr bewusste Provokation, nicht aus künstlerischen oder gesellschaftskritischen Motiven, sondern schlicht und einfach um Aufmerksamkeit zu bekommen. Und die ist natürlich garantiert, wenn man derart kalkuliert darauf hinarbeitet, das „härteste Game aller Zeiten“ zu erschaffen. Erinnert hat mich das an den Serbian Film, der nach genau diesem Prinzip funktionierte. Nein, gesehen habe ich ihn nie und das habe ich auch nicht vor. Was ich darüber gelesen habe reicht mir.
Einen Unterschied gibt es dann aber doch: Der Serbian Film kann zumindest als eine künstlerische Verarbeitung der Traumas des Balkankriegs verstanden werden. Zugegebenermassen äusserst extrem, aber zumindest existiert eine Rechtfertigung. Nicht so bei Hatred, wo man das Gefühl nicht loswird, dass es am Ende einfach Verkäufe für ein Entwicklerstudio generieren soll, dessen Debüt sonst wohl kaum gross bemerkt worden wäre. Den Vorwurf, mit diesem Artikel ja gerade dazu beizutragen, nehme ich gerne ich kauf, denn wenn ich zu einem Thema etwas zu sagen habe, dann tue ich das auch.

Das grösste Problem ist aber nicht das Spiel selbst, sondern die Folgen, die ein Release haben könnte. Wir haben hier ein Spiel, das tatsächlich alle negativen Stereotypen erfüllt. Es geht wirklich nur um sinnloses Töten, dies ist nicht etwas nebenbei Mögliches, dass zudem bestraft wird – es ist der gesamte Spielinhalt. Meiner Meinung nach sind auch berüchtigte Titel wie Manhunt oder Postal nicht so weit gegangen, haben sich als derart ironiefreie Tötungssimulationen präsentiert. Egal wie Hatred am Ende wirklich aussieht, ob es letztlich doch noch so etwas wie einen Sinn hat.
Ein Release könnte uns Gamern enorm schaden. Verbote in einzelnen Ländern sind so gut wie garantiert. Aber nicht nur das: Man wird über Jahre hinweg ein Vorzeigeprodukt für die Verbotspolitik haben. Wie soll man sein Hobby anhand dieses Spiels verteidigen? Die Phrase „es sind nur Pixel in einer Software“ genügt hier nicht. Ich hoffe ganz ernsthaft, dass es entweder keinen Release gibt oder sich alles nur als heisse Luft herausstellt und kaum jemand Notiz von diesem Spiel nimmt.
Natürlich lehne ich effektive Verbote grundsätzlich ab. Wer erwachsen ist, soll das Recht haben, selbst zu entscheiden, was er oder sie als „Unterhaltung“ definiert. Ich persönlich bin von dem, was ich unglücklicherweise gesehen habe, mehr als angewidert.

by Andypanther

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