Die Maus für Pro-Gamer: Missverständnisse & Marketing-Tricks

Wer mich kennt, weiss, dass ich ab und zu – mehr oder weniger sinnvoll – meine Peripheriegeräte update. So ist auch der Artikel mit Profi-Equipment für Konsolenspieler entstanden.
Neben einer neuen Tastatur wird bald auch eine neue Maus folgen. Aus diesem Anlass wurde mal wieder recherchiert, welche Modelle denn tauglich sein könnten. Dabei bin ich über einige Missverständnisse und Marketing-Tricks gestolpert, welche endlich aus der Welt geschafft gehören.
Obwohl folgende Absätze etwas technisch werden könnten, rate ich jedem halbwegs ambitionierten Gamer, sich hierfür kurz Zeit zu nehmen. Hier folgen einige Wahrheiten über Gaming-Mäuse:

DPI werden überschätzt.

8’200 DPI oder doch gleich die mit 12’000 DPI? Egal. Ahnungslose Technik-Anfänger halten Mäuse mit höheren DPI-Zahlen für genauer und somit besser. Alleine der Begriff ist falsch. Ingenieure nennen diesen Wert CPI (counts per inch) und nicht DPI (dots per inch), da der Sensor Counts registriert und nicht Dots (Pixel auf dem Bildschirm). „dots per inch“, also „Punkte pro 2,54cm“ klingt nach einem Wert für die Genauigkeit bzw. Auflösung des Sensors. Das stimmt sogar halbwegs, nur zieht der Endkäufer die falschen Schlüsse aus dieser Übersetzung. Die Marketing-Abteilungen nutzen dieses Missverständnis gekonnt aus.
Der DPI-Wert ist einzig ein Indikator für die Sensibilität der Maus. Ungenau formuliert, könnte der CPI-Wert auch als Indikator für die „Geschwindigkeit“ der Maus angesehen werden. Genauer: Der CPI-Wert gibt an, wie viele Counts die Maus an den PC sendet, wenn ihr eure Maus 2,54cm bewegt. Die Counts werden dann – unter Berücksichtigung von Faktoren wie Mausgeschwindigkeit oder Mausbeschleunigung (beides natürlich softwareseitig) – in Dots (Pixel) umgesetzt. Das ist alles.
Ein Beispiel: Eure Maus ist auf 2000 DPI eingestellt, die Mausbeschleunigung ist deaktiviert und die Geschwindigkeit im Windows-Menü auf 6 von 11 (entspricht Faktor 1) eingestellt. Bewegt ihr die Maus nun 2,54cm nach Rechts, werdet ihr den Mauszeiger exakt 2000 Pixel weiter Rechts wieder finden. Das ist die ganze Hexerei. Hohe DPI-Werte machen folglich maximal bei enormen Bildschirmauflösungen Sinn. Damit solltet ihr künftig nicht weiter auf diesen Marketing-Trick reinfallen.

Dieses Marketing-Futter führte wohl zum Vorstoss der Laser-Mäuse, da diese höhere DPI-Werte erreichen als die Optical-Konkurrenz. Dass sie dabei jedoch unzuverlässiger sind als optische Mäuse, wird nicht kommuniziert. Eine Erhöhung der DPI-Zahl wirkt der Performance sogar entgegen, da gewisse, hohe Werte nur durch Interpolation (genauer: Teilung von registrierten Punkten) erreicht werden und somit nicht echten, nativen Counts entsprechen. Kurz: Ungenaue Fake-DPI für eine beindruckend Zahl auf der Verpackung.

Hierzu sei allen ein erläuterndes Video von François Morier, Senior Engineer bei Logitech, ans Herz gelegt:

Gewisse Begriffe, die im Video erwähnt werden, werden sogleich noch erläutert.

Jede Maus ist gleich genau.

Wirklich. Die feinste Einheit bzgl. Genauigkeit am PC ist das Pixel. Etwas kleineres als ein Pixel werdet ihr auf eurem Bildschirm nicht finden. Jede Maus kann auf genau ein Pixel zeigen und ist somit gleich genau. Interessant ist einzig der Weg zum gewünschten Pixel. Wie einfach bringe ich meinen Mauszeiger dazu, auf das gewünschte Pixel zu zeigen? Legt mein Mauszeiger immer den gleichen Weg bzw. die gleiche Distanz zurück, wenn ich die Maus exakt gleich bewege (Konstanz)? Ändert sich die zurückgelegte Distanz des Mauszeigers, wenn ich die Maus (auf gleich langer Strecke) unterschiedlich schnell bewege? Registriert die Maus sehr langsame Bewegungen? Registriert die Maus sehr schnelle Bewegungen? Solche Fragen offenbaren die entscheidenden Unterschiede, welche die aufwändig beworbene Gaming-Maus vom Standardmodell unterscheiden sollten.

Worauf soll ich beim Kauf also achten?

Dass DPI keinen Kaufentscheid beeinflussen dürfen, haben wir eben gelernt. Weiter wurden auch die wichtigeren Fragen bezüglich exakter Bewegungsumsetzung und Konstanz gestellt. Worauf kommt’s beim Kauf also wirklich an?

Die Form muss bequem sein!

Vor lauter Sensortechnik geht der wichtigste Faktor gerne vergessen: Komfort. Die Maus muss schlicht eurer Hand und eurem Grip-Style (palm grip, claw grip oder fingertip grip) entsprechen. Nach Möglichkeit die Maus vor dem Kauf in die Hand nehmen!

Qualität

Zugegeben, der Titel ist schwammig. Her möchte ich auf die Qualität der verbauten Einzelteile ansprechen. Bei Qualitätsmerkmalen spreche ich beispielsweise von der verwendeten Beschichtung (wie viele Schichten wurden aufgetragen?), Switches in den einzelnen Tasten (die guten sind von OMRON), Beständigkeit des Mausrads und der Mausfüsse, Kabel usw. Hierfür müsst ihr euch auf Erfahrungen anderer Kunden verlassen oder direkt beim Hersteller nach konkreten Qualitätsmerkmalen fragen. Denn ob eine Maus wirklich robust ist, werdet ihr erst nach längerer Nutzungsdauer feststellen können und ob wirklich in allen Tasten die teureren OMRON-Switches verbaut sind, weiss meist auch nur der Hersteller.

Den Sensor prüfen!

Oft entscheidet der verbaute Sensor (zusammen mit seiner Implementierung) über die Qualität einer Maus. Neuere Sensoren sind nicht immer besser als ältere. Verschiedene Mäuse verschiedener Hersteller beherbergen übrigens oft gleiche Sensoren eines Drittherstellers. Hat sich der gewählte Sensor bewährt? Handelt es sich um einen Laser- oder um einen Optical-Sensor? Ohne hier diesen Glaubenskrieg neu entfachen zu wollen: Informierte Spieler greifen meist zu Mäusen mit optischen Sensoren. Wie gut ein Sensor nun wirklich ist, hängt von den nachfolgenden Kriterien ab.

Kein Smoothing

„Mouse-Smoothing“ bezeichnet eine Interpolation eurer rohen Bewegungsdaten, um unschönen Sprüngen des Mauszeigers entgegenzuwirken und die Mausbewegung somit „smoother“ umzusetzen. Als Gamer wollt ihr nicht, dass eure Bewegungen übertrieben/zu langsam umgerechnet werden (Latenz). Jede Maus „leidet“ von Natur aus an Smoothing. Zu viel Smoothing kann jedoch negativ sein. Ob eine Maus nun an zu starkem Smoothing leidet, müsst ihr Reviews entnehmen. Leider gehen nur wenige Tests darauf ein, da der gemeine Spieleredakteur von Maustechnik kaum Ahnung hat.

Keine Acceleration

„Acceleration“ bezeichnet die Mausbeschleunigung. Die aktivierte Beschleunigung führt zu erhöhter Zeigergeschwindigkeit bei schnellen Mausbewegungen. Normalerweise deaktivieren die meisten Gamer diese Option in den Mauseinstellungen des Betriebssystems bzw. in der separaten Treiber-Software. Auch hier will der Spieler nicht, dass die Software seine Bewegungen verfälscht.
Gerade Laser-Mäuse leider unter inhärenter – also hardwarebedingter – Acceleration. Diese ist nicht deaktivierbar. Auch hier muss auf seriöse Tests zurückgegriffen werden, um herauszufinden, welche Sensoren nicht bzw. weniger darunter leiden. Erneut gehen die meisten Tester nicht auf diese Problematik ein. Optische Mäuse leiden weniger unter diesem Problem, weshalb sie oft von Profis der Laser-Konkurrenz vorgezogen werden. Übrigens: Auch das Gegenteil, eine Verzögerung, kann der Fall sein.

Keine Prediction/Angle Snapping

„Prediciton“ oder „Angle Snapping“ bezeichnet den Versuch der Maus-Software, eure nächste Mausbewegung vorherzusehen. Entsprechend dieser Vorhersage wird eure nächste tatsächliche Bewegung durch die vorhergesagte ersetzt. Diese Bevormundung ist für ambitioniertes Gaming ungeeignet und sollte vermieden werden. Auch auf dieses Problem wird in Reviews nur selten eingegangen. Falls euer lieblings Hardware-Reviewer bei Mäusen noch nie von den nun bekannten Begriffen gesprochen hat, solltet ihr vielleicht mal eine neue Quelle suchen.

Hier eine weitere Erklärung im Video-Beispiel:

Ausreichender Malfunction/Tracking Speed

Hört ein Sensor auf zu tracken, weil die Bewegung zu schnell ist, spricht man von „Malfunction“. Wichtig ist also, dass eure Maus genügend schnelle – und nötigenfalls auch sehr langsame („Pixel Walk“)- Bewegungen exakt umsetzen kann.

Kein Jittering

Folgt der Mauszeiger nicht exakt der Mausbewegung, sondern beginnt zu zittern, wird von „Jitter“/“Jittering“ gesprochen. Dies tritt besonders bei sehr hohen, nicht nativen CPI-Einstellungen auf. Eure Maus sollte euren gewünschten CPI-Wert ohne grosses Jittering bewältigen können.

Lift Off Distance

Wie hoch könnt ihr die Maus anheben, bis sie keine Bewegungen mehr registriert? Hier sprechen wir von Millimetern. Wer seine Maus mangels Platz oft umsetzt, sollte auf eine tiefe „Lift Off Distance“ achten, damit der Mauszeiger während dem Umsetzen keine ungewollten Bewegungen ausführt.

Zum Schluss

Falls ihr auf der Suche nach einer neuen Maus seid, solltet ihr nun wissen, worauf man beim Kauf wirklich achten muss (und worauf nicht).
Übrigens macht euch keine Super-Maus direkt zum Champion. Im Gegenteil: Gute Spieler gewinnen auch mit schlechtem Equipment. Welche Maus ihr am Ende wählt, ist – wie immer – stark präferenzabhängig. Die richtigen Pros spielen sowieso nur mit den Mäusen, deren Hersteller ihnen am meisten Geld zahlt. Sie wählen höchstens zwischen Geräten des gleichen Herstellers/Sponsors. Deshalb kann die genaue Wahl in eurer „Endausscheidung“ nicht übermässig ins Gewicht fallen.
Abschliessend noch ein paar nützliche Links (teilweise Aktualität beachten!):

by @JoeyTheHobbes

2 Antworten zu “Die Maus für Pro-Gamer: Missverständnisse & Marketing-Tricks

  1. Sehr interessanter und ausfuehrlicher Guide, danke dafuer! Ich werde sicherlich darauf zurueckkommen, wenn mein MouseMan Dual Optical irgendwann doch noch den Geist aufgeben sollte ;D

  2. Pingback: Logitech G402 Hyperion Fury Review | Nerdy By Nerds

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