Pono Music – Zu frühe (sinnlose) Revolution?

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Wer regelmässig aktiv Musik hört, wird vermutlich auf den Pono Music Player aufmerksam geworden sein. Neil Youngs kleiner Wunderplayer hat auf Kickstarter bereits die 5’000’000$ Grenze geknackt. Kann dieses Gerät wirklich den versprochenen Klang liefern? Wer hört den Unterschied? Sind wir überhaupt bereit dafür? Hier eine kleine Analyse.

Worum geht’s?

Neil Young hat sich auf die Fahne geschrieben, die „verlorene Seele der Musik“ wiederauferstehen zu lassen – mit Hilfe des Pono Players. Das Toblerone-ähnliche Gerät verfügt über ungewöhnlich hochwertige Hardwarekomponenten (toller DAC Chip, zero-feedback circuitry, minimal phase bei den digitalen Filtern, optimierter output buffer etc.) und soll zudem bislang kaum angetroffene Qualitätsstufen (bis 192 kHz/24 bit) wiedergeben können. Passend dazu wurde eine Kickstarter Kampagne lanciert, welche überaus erfolgreich ist. Das Ziel von 800’000$ würde um ein Vielfaches übertroffen. Die Nachfrage scheint folglich als gegeben. Besonders die limitierten Modelle mit eingravierten Unterschriften diverser Musiker sind teilweise bereits vergriffen.

Brauchen wir die „Revolution“?

Tatsächlich scheint die Art, wie heute durchschnittlich Musik gehört wird, mangelhaft. Oft werden schlecht komprimierte Musikstücke auf (zu) schlanken Mobiltelefonen abgespielt. Angehört werden sie über billige, mitgelieferte Kopfhörer. Dass dies nicht gut klingen kann, scheint selbsterklärend. Ein Player, der qualitativ hochwertige Bauteile beherbergt, scheint hier wünschenswert und sinnvoll. Doch sind solch hohe Abtastraten (sampling rates) bei solchen Bittiefen (bit depth) die Lösung der Probleme? Dies scheint zweifelhaft.

Das Problem der Hörbarkeit

Zuerst müssten solche Qualitätssprünge überhaupt hörbar sein. Dies ist anzuzweifeln. CD Qualität gilt als ausreichend. Trotzdem wird die Erkennbarkeit dieser Qualitätsstufen hier nun als gegeben Erachtet, damit wir an dieser Stelle nicht bereits abbrechen müssen. Stattdessen möchte ich auf diesen sehr gelungenen Artikel zum Thema verweisen:

24/192 Music Downloads …and why they make no sense

Das Problem mit dem Speicher

Das Dateiformat .mp3 entstand zu einer Zeit, in der Speicher noch teuer war. Dadurch erhielt .mp3 durchaus seine Berechtigung und wohl auch seine Popularität.
Heute sind Festplatten billiger. Auch Flash-Speicher wird immer günstiger, wobei er aktuell noch teuer ist, was man an Mobiltelefonen erkennen kann. Das Argument der Dateigrössen wird also immer schwächer. Dennoch sollte man sich überlegen: Lohnt sich die Versechsfachung des Speicherbedarfs (CD Qualität – was schon höher ist als der Durchschnitt – zu 24/192) für einen wohl unhörbaren Qualitätssprung?
An diesem Punkt muss ich eines klar stellen. An Neil Youngs Idee scheint nichts verwerfliches dran zu sein. Digitaler Musik endlich zu einem Qualitätssprung zu verhelfen, scheint sinnvoll, gerade bei fallenden Speicherpreisen.

Ist die Industrie bereit?

Das letzte – und wohl grösste – Problem bei diesem Vorhaben liegt an einem anderen Ort: Die Industrie ist noch nicht bereit für solch hochaufgelöste digitale Musik. Auch heute wird noch nicht überall in 192 kHz/24 bit aufgenommen, geschweige denn früher. CDs werden noch immer in 44.1 kHz/16 bit gepresst. Höhere Abtastraten oder Bittiefen bekommt man folglich aus seinen CDs nicht raus. Mögliche Nachfolger zur CD, welche eine höhere Qualität erlauben würden, werden zwar entwickelt, scheinen aber noch in der Zukunft zu liegen. Zumal dort zuerst – wie so oft – der Krieg zwischen den neuen Formaten entschieden werden muss.
Lange Rede, kurzer Sinn: Musik ist in solch hoher Qualität für den Endverbraucher noch nicht verfügbar. Dazu müssten Endverbraucher schlicht Zugriff auf die Master Files der Studios haben, was bislang seltenst der Fall ist. Solche Qualitätsstufen scheinen für den durchschnittlichen Endverbraucher schlicht nicht praktisch genug, um von der Industrie forciert zu werden.
Mit scheinbar einer Ausnahme. Bei wem klingelt’s nun? Genau: Im passenden Pono Music Store soll Musik mit entsprechenden Abtastraten und Bittiefen angeboten werden. Das System soll, ähnlich wie iTunes, als „end-to-end ecosystem for music“ funktionieren. Dies mag nach einem unsympathischen Monopol klingen, was relativiert werden muss. Neil Young ist schlicht der erste, der solche Qualität anbietet. Daran ist nichts falsch. Zudem kann der Pono Player ja auch mit fremder, „niedrig“ aufgelöster Musik befüllt werden.

Hintergedanken?

Dass die Musiker diesen neuen Player feiern, scheint nur logisch. Ob sie sich wirklich für den „wahren Charakter“ ihrer Musikstücke interessieren, nehmen wir – im Zweifel für sie – mal an. Sicher ist jedoch, dass solch hochwertige Musik bislang nur direkt gekauft werden kann, da nur Master Files von Studios diese Standards erreichen. CD-Rips im Internet bleiben weiterhin an der 44.1 kHz/16 bit Grenze hängen. Dies bringt den Musikern weit messbarere Vorteile. Auch solche Überlegungen sind zwar schlussendlich nicht verwerflich.

In a nutshell

Angenommen, die Steigerung der Bittiefen und Abtastraten sei wirklich hörbar (was zweifelhaft ist), geht Neil Young mit seinem qualitativ hochwertigen Pono Music Projekt einen Schritt in die richtige Richtung, wenn auch die Ansätze noch etwas zu hoch gegriffen scheinen. Das fertige Produkt wird sich beweisen müssen. Die Industrie ist für solche Geräte schlicht noch nicht bereit. Hoffentlich wird sich dies in absehbarer Zeit – vielleicht gerade durch den Pono Player – ändern. Revolutionen sollen ja zukunftsorientiert sein.

by @JoeyTheHobbes

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