Wer entthront WhatsApp? Niemand?

Wer uns auf Facebook oder Twitter folgt, wusste schnell von der Übernahme. Facebook Inc. kauft WhatsApp Inc. für  total 19 Milliarden US-Dollar (davon 4 Milliarden in Cash).
Diese Übernahme scheint nun viele zu einem Wechsel ihres mobilen Instant Messager zu bewegen. Die Konkurrenz boomt. Doch zu welchem Dienst sollte man wechseln? Hierzu einige Vorschläge sowie Überlegungen, weshalb ein Wechsel möglicherweise wenig Sinn macht.

Was passiert mit WhatsApp?

Zuerst sollte man sich Fragen, welche Auswirkungen diese Übernahme auf WhatsApp haben könnte. Vorerst keine. Denkbar wären:

  • WhatsApp bleibt weitestgehend eigenständig, wird jedoch um „Facebook-Elemente“ (Werbung?) erweitert.

Glaubt man der aktuellen Berichterstattung, so scheint dies die vorerst realistischste Lösung zu sein. Auch die Meldung im offiziellen WhatsApp-Blog klingt ähnlich. Auf Längere Sicht sind weiterführende Modelle denkbar.

  • Die WhatsApp ID wird mit dem Facebook-Account verknüpft.

Vorteile für Facebook entstehen erst dann, wenn WhatsApp-Nutzer ohne Facebook-Konto automatisch ein Facebook-Konto erhielten. Nur so könnte sich Facebook tatsächlich die teuer erstandene User Base einverleiben und somit wachsen. Auf längere Sicht scheint diese Variante  denkbar.

  • WhatsApp wird mit dem Facebook Messenger fusioniert.

Hier handelt es sich um eine Steigerung des vorherigen Modells. Dies scheint die drastischste (und womöglich letzte) Massnahme zu sein, da WhatsApp quasi eingestellt würde. Faktisch wäre WhatsApp tot, würde aber im Facebook Messenger weiterleben. Die User Bases würden vollkommen verschmolzen. Blicken wir zurück auf MSN und Skype, scheint diese Lösung nicht unrealistisch. Sie wäre (aus der Sicht von Facebook) sogar sinnvoll, bräuchte jedoch Zeit, um die User „sanft an den Wechsel heranzuführen“.

Weshalb wechseln wenig sinn macht

Dass sich Facebook wenig um Datenschutz kümmert und WhatsApp ungenügend verschlüsselt, ist schon länger bekannt. Diese Argumente für einen Wechsel der Applikation sind zwar verständlich, hätten aber schon viel früher zu einer „Wechsel-Welle“ führen sollten.
Folglich muss eine Antipathie der WhatsApp Nutzer für Facebook der Grund sein. Interessant ist nur: Sehr viele haben selbst einen Facebook-Account. Facebook kennt also euren Namen, euren Wohnort, euer Gesicht und eure Facebook-Nachrichten. Durch WhatsApp weiss Facebook demnach nicht viel neues über euch. Facebook will nicht primär den Gewinn von Daten (bestehender User), sondern den Gewinn von Usern an sich. Somit sollte dieses scheinbar verbreitete Missverständnis hoffentlich geklärt sein.
Wer also momentan begründet wechseln „darf“, sind die wenigen, welche keinen Facebook-Account besitzen. Falls WhatsApp künftig mit Facebook-Werbung geflutet würde, müsste diese Aussage jedoch revidiert werden.
Long story short: Wer selber einen Facebook-Account hat, könnte den Wechsel bleiben lassen, ausser er kümmert sich jetzt plötzlich um eine stärkere Verschlüsselung seiner (wohl meist sehr gehaltvollen) Nachrichten.

Damit wurde auch gleich ein weiterer Punkt angesprochen: Müssen WhatsApp Messages komplett (end to end) verschlüsselt sein? Diese Frage muss jeder für sich beantworten.

Nicht zuletzt bringt ein Wechsel des Instant Messengers auch Unannehmlichkeiten mit sich, denn der Konkurrenz fehlt noch, was WhatsApp so unglaublich teuer gemacht hat: Die User Base.
Niemand will vier verschiedene Messenger bedienen, weil jeder aus seinem Freundeskreis einen anderen verwendet. Folglich müsste sich aus der Vielzahl an Konkurrenten ein Thronfolger herauskristallisieren, welcher den Platz von WhatsApp einnehmen würde. Wer das sein wird, wird die Zukunft zeigen.
Aktueller ist hingegen fraglich, ob dies überhaupt passieren wird. Eine bewusste Steuerung seitens Facebook (z.B. die Fusion mit dem Facebook Messenger) ist hier natürlich ausgenommen. Wer will einen neuen Messenger, den doch nur fünf seiner Freunde nutzen? Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Und faul. Sicher werden einige den Messenger wechseln, jedoch mehr aus Prinzip oder NSA-Paranoia und ohne tatsächlichen Mehrwert.
Bis auf absehbare Zeit bleibt WhatsApp also grösstenteils weiter auf den Geräten.

Welche Alternativen?

Wer dennoch wechseln möchte, muss sich zwischen einigen boomenden Kandidaten entscheiden. Hier eine Auswahl an potentiellen Thronfolgern:

Threema (https://threema.ch)

Threema dominiert aktuell die Charts der kostenpflichtigen Apps in Apples Appstore. Die App gibt’s jedoch auch für Android und endlich auch für Windows Phone.
Threema wirbt mit echter end to end -Verschlüsselung. Folglich kann nicht mal der Betreiber die Nachrichten lesen. Weiter handelt es sich um ein Schweizer Produkt. Auch die Server sollen alle in der Schweiz stehen. Das weckt eine Qualitätsvermutung.
Der Preis könnte sich als Hürde entpuppen. Mit aktuell 2.- ist die App zwar nicht teuer, könnte dennoch viele User abschrecken und zur kostenlosen Konkurrenz bewegen. Heutzutage sollte jeder wissen, dass Produkte Geld kosten. Folglich muss auch die kostenlose Konkurrenz finanziert werden. Das riecht trügerisch – nach Werbung oder Datenhandel. Über den Preis sollte man folglich hinwegsehen. Auch WhatsApp ist nicht kostenlos.
Alles in allem könnte Threema – zumindest national – als Favorit im Rennen um die WhatsApp-Nachfolge angesehen werden. Ob er dies auch ist, bleibt fraglich. Ein riesiges Problem bleibt bestehen: Threema ist bis heute nicht quelloffen (open source). Ob Threema also sicher ist, weiss nur Threema wirklich.

iO (https://io.swisscom.ch)

Der ursprünglich fehlgeschlagene Angriff der Swisscom auf WhatsApp scheint nun einen zweiten Frühling zu erleben. Offensichtlich handelt sich auch hier um eine Schweizer App, welche zudem auch Telefonate (via Internet) ermöglicht. (Bemerkung: Auch WhatsApp will diese Funktion endlich einführen.) iO ist für iOS sowie Android erhältlich – gratis. Da die Swisscom hinter der App steht, muss man sich nicht viele Gedanken über die Finanzierung machen. Übrigens: Wer Swisscom Kunde ist, erhält weitere Vorteile für die Verwendung im Ausland wie auch die Möglichkeit, kostenlos Nachrichten an Nicht-iO-Nutzer zu versenden.
Bei iO scheint der Fokus allerdings nicht explizit auf Sicherheit oder Verschlüsselung zu liegen. Zumindest wird – verglichen mit der neueren Konkurrenz – nicht prominent damit geworben. Auch iO ist nicht quelloffen. Die Daten sollen jedoch „nach den Standards der Swisscom aufbewahrt werden“.

Telegram Messenger (https://telegram.org)

Der Telegram Messenger ist als aktuell beliebteste Gratis-App im Appstore ein heisser Kandidat. Die App ist kostenlos, auf iOS, Android, Windows Phone (inoffiziell) und teilweise sogar als Desktop-App verfügbar, wirbt – wie Threema – mit echter end to end -Verschlüsselung und legt sogar den Code zur Überprüfung offen. Was will man also mehr? Einte Telefonfunktion wie in iO vielleicht, diese fehlt bei WhatsApp jedoch auch (noch).
Das Problem könnte an einer anderen Stelle liegen: Die Hintergründe der App sind unklar. Geschaffen wurde sie von den Erfindern von VK.com – dem Russischen Facebook-Pendant. Die nötigen Gelder wurden von einem der beiden Gründer gespendet – quasi der Pestalozzi des 21. Jahrhunderts. Das riecht trügerisch. Weiter betrifft die Offenlegung des Codes primär die API, also die Möglichkeit, die Schnittstelle zu nutzen, um beispielsweise Clients für andere Plattformen zu entwickeln. Auch was die Verschlüsselung anbelangt, existieren bereits kritische Stimmen.
Abschliessend scheint Telegram der Top-Kandidat zu sein, welcher auf den zweiten Blick jedoch ein unschönes Gefühl hinterlässt. Da der Messenger jedoch gerade auf den ersten Blick überzeugt, könnte er am schnellsten wachsen und sich somit die „goldene User-Base-Trumpfkarte“ angeln, wodurch der Wettkampf schliesslich gewonnen wäre – trügerische Hintergründe hin oder her.

Viber (http://www.viber.com)

Viber verbreitete sich seinerzeit primär dank der Möglichkeit, Telefonate kostenlos übers Internet (Voice over IP, VoIP) zu tätigen, was heute auch iO kann. Die Funktion, Nachrichten zu versenden, schien sekundär, ist aber vorhanden. Da Viber jedoch das komplette Adressbuch auf seinen Servern speichert, ist von der Verwendung – im Lichte des gerade populären Datenschutzes – abzuraten. Die App wird daher nur der Vollständigkeit halber aufgeführt.

Welche der genannten Apps ist nun die beste? Das ist egal. Alleine die Verbreitung wird bestimmen, welche App man sich holen soll. Wir können also hoffen, dass die Masse eine weise Entscheidung trifft und und uns schliesslich fügen. Folglich sei bislang jedem das Warten nahegelegt. Und nicht vergessen: Womöglich bleiben am Ende doch alle bei WhatsApp.

#UPDATE:
Mittlerweile wird klar Signal bzw. RedPhone/TextSecure empfohlen.

by @JoeyTheHobbes

Eine Antwort zu “Wer entthront WhatsApp? Niemand?

  1. Pingback: Signal 2.0 wird zum besten verschlüsselten Messenger | Nerdy By Nerds

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s