Next-Gen DRM oder doch nicht? – Ein Roundup

Der Launch der Next-Gen Konsolen steht vor der Tür. Doch ein Thema wird seit der diesjährigen E3 bis heute scharf Diskutiert: DRM ja oder nein? Gerüchte, PR-Lügen, unklare Statements, darauffolgende Korrekturen und heimlich geänderte Nutzungsbedingungen. Wer hat da noch den Überblick? Deshalb hier ein Roundup zur DRM-Thematik.

Wie sieht’s aktuell aus?

Zur E3 schien die Situation halbwegs klar: Bei der PlayStation 4 wird man auf DRM verzichten, während die Xbox One in diesem Bereich PC-ähnliche Masstäbe setzen würde.
Die ersten Änderungen folgten sogleich: Minuten nach der Pressekonferenz von Sony relativierte Jack Tretton seine Aussage zum DRM System der PS4 bereits wieder: „Kein DRM“ wird lediglich auf Sony-Spiele zutreffen. Drittherstellern sei es selber überlassen, DRM-Massnahmen zu treffen. Somit wurden wir während der Konferenz eben mal bewusst angelogen bzw. unvollständig informiert. Auch diese Aussage wurde bald wieder korrigiert: Sie betreffe nur „online used game access“. Der Erfolg mag Sony recht geben: Microsoft begann sich dermassen vor Sonys PlayStation 4 zu fürchten, dass sie bald all ihre DRM-Projekte komplett über den Haufen warfen und fortan das Modell von Sony kopierten. Eine erfreuliche Meldung für alle Konsumenten.

Damit begann Microsofts Zeit der grossen Kontroversen. Ein ärgerliches Pressestatement nach dem anderen, Korrekturen der Korrekturaussagen und erzürnte Spieler. Onlinezwang oder nicht? Erfasst Kinect nun werberelevante Daten oder nicht? Arbeitet Microsoft stark mit der NSA zusammen oder nur ein wenig? Diese Fragen bleiben oft unbeantwortet. Immerhin musste das verantwortliche Gesicht, Don Mattrick, seinen Sitz mittlerweile räumen, bzw. wollte dies selber – hier konnte sich Microsoft auch nicht klar äussern.

Abgesehen vom Day-One-Patch, ohne den eine PS4 nicht mal eine DVD abspielen kann, blieb es seither ruhig um Sonys neue Konsole (Übrigens: Auch die Xbox One ist ohne Day-One-Patch fast nutzlos). Unboxing-Videos werden von Sonymitarbeitern via Twitter beworben, während Microsoft die „Frühuser“ bannt und deren Videos auf YouTube sperren lässt. Sony und ihre PlayStation 4 geniessen schlicht einen sympathischeren Ruf.

Diese Phase des Sympathievorsprungs könnte mit einer heimlichen Änderung der Nutzungsbedingungen seitens Sony jedoch geändert haben. Dazu folgende Zitate aus deren aktuellen Softwarenutzungsbedingungen, geltend für Software für PS one, PS2, PS3, PS4 & PS Vita:

7.1. Sie dürfen weder Disc-basierte Software noch Software-Downloads weiterverkaufen, insofern dies nicht ausdrücklich von uns autorisiert wurde. Ist der Herausgeber ein Drittanbieter, so wird zusätzlich von diesem Drittanbieter eine Erlaubnis benötigt.

Richtig, ihr dürft eure PlayStation 2 spiele nicht verkaufen. Bezüglich der PlayStation 3 existierte eine solche Bestimmung übrigens schon länger.

Alle Twitch-User könnte weiter folgende Passage interessieren:

6.2. Sie dürfen diese Software nicht kommerziell nutzen, sie verbreiten, eine Nutzungsgebühr dafür erheben oder andere öffentliche Vorführungen ohne unsere ausdrückliche Erlaubnis damit durchführen. Sollte es sich um einen anderen Herausgeber handeln, ist zusätzlich von diesem Herausgeber eine Erlaubnis von Nöten.

Um das „Ich hab das Spiel gekauft. Das gehört mir! Dann kann ich damit machen, was ich will!“-Argument gleich an der Wurzel zu unterbinden, ist den Sony-Juristen folgende – zugegeben dreist schlaue – Klausel in den Sinn gekommen:

4.1. Jegliche Software ist lizenziert, nicht verkauft. Dies bedeutet, dass Sie die Rechte erworben haben, die Software so zu nutzen, wie es in den Bedingungen erläutert ist, jedoch nicht, dass Sie Eigentümer der Software sind. Bei Nichteinhaltung der Bedingungen behalten wir es uns vor, Ihre Lizenz zu beenden, was bedeutet, dass Sie nicht länger das Recht besitzen, die Software zu benutzen.

Genau: Alle Spiele, welche seit der Existenz dieser Klausel erworben wurden, gehören gar nicht euch. Somit wäre auch das Gebrauchthandel-Problem im Keim erstickt. Wenn euch die Spiele nicht gehören, dürft bzw. könnt ihr sie grundsätzlich nicht wirksam verkaufen.

Übrigens: Wer nun tatsächlich glaubt, Microsoft wäre hier viel netter, sollte sich die Nutzungsbestimmungen der Microsoft Corporation durchlesen. Auch hier werden gekaufte Produkte nicht gekauft, sondern lediglich lizenziert.

in der Praxis?

Natürlich können (oder sollen) wir alle aktuell Ruhe bewahren. Shuhei Yoshida, Präsident der Sony Computer Entertainment Worldwide Studios, gab mit diesem Tweet Entwarnung:

Leider ist ein solcher Tweet rechtlich nicht gleich bindend wie eine Nutzungsbedingung. Was da steht, könnte also schon bald nicht mehr der Praxis entsprechen. Solche Beruhigungsversuche sollte man mit Vorsicht geniessen! Viel sicherer hingegen ist, dass Sony sich ihren Ruf nicht durch lächerliche Verfolgung von Spielern ruinieren will und die so vorbehaltenen Schritte nicht umsetzen wird. Beim gemeinen Spieler ist einfach nicht genug Geld zu holen, um den Imageschaden und den eigenen Aufwand durch Prozesse kompensieren zu können.
Weiter ist sehr fraglich, ob solche Bestimmungen hierzulande Gültigkeit erlangen könnten. Ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) [nicht mit dem Gerichtshof der Europäischen Union verwechseln!] hat bereits festgelegt, dass auch Softwarelizenzen – unter Bedingungen – weiterverkauft werden dürfen. Wer mal Zeit hat, dem sei das Lesen des Urteils ans Herz gelegt. Das Ergebnis steht zuunterst. Zusätzlich wird die Situation komplizierter, da der Erwerb von Games auf Disc nur selten von Sony oder Microsoft direkt erfolgt. Die Unterscheidung zwischen „Spiel auf Disc“ und „direkt bei Sony/Microsoft heruntergeladenes Spiel“ und der Lizenz im Allgemeinen (also auf Disc & rein digital) könnte also relevant sein. Soviel dazu.

Abschliessend die Gretchenfrage

Warum nehmen Sony & Microsoft solch fragwürdige Klauseln in ihre Nutzungsbedingungen auf, wenn diese angeblich gar nie angewendet würden bzw. kaum durchsetzbar wären? Zum Spass? Eher nicht.
Klar ist, dass sie sich beide Unternehmen damit Hintertüren öffnen und reservieren möchten. Lieber früh als spät. Am besten so früh, dass deren Inhalt bereits vergessen wurde, bevor er Anwendung findet. Ob und in welchem Ausmasse die beiden Konkurrenten von ihren zweifelhaften Ansprüchen Gebrauch machen wollen, wird schlussendlich die Zukunft zeigen.

by @JoeyTheHobbes

#Update:

Wenn man von Next-Gen spricht, wird die Wii U ja jeweils ausgelassen. Trotzdem der Nachtrag:
Online sind Lediglich Nutzungsbedingungen betreffend des „Club Nintendo“ zu finden. Die Lizenzbestimmungen (Artikel 3.1) gelten weiter nur für „für online übertragbare digitale Artikel und/oder Software“. Das mit dem „und Software“, zusammen mit dem etwas unklaren Geltungsbereich lässt die Frage offen, welche Software (also auch die im Laden erworbene?) gemeint ist.
Auch Nintendo verbietet das Übertragen auf Dritte, das Vermieten sowie das Verleihen der genannten Software – ausser dies sei gesetzlich ausdrücklich erlaubt. Da wir in unserem Rechtskreis primär Verbote und nicht Erlaubnisse regeln, wird dies noch länger nicht in einem Gesetz stehen.

7 Antworten zu “Next-Gen DRM oder doch nicht? – Ein Roundup

  1. All diese undurchsichtigen Spielchen nehmen einem jegliche Freude an einer neuen Konsolengeneration. Früher war nicht alles besser – aber das meiste eben doch.

    Was mich jetzt am meisten interessieren würde ist, wie Nintendo die Nutzungsbedingungen in denselben Punkten formuliert. Kann der Unterschied wirklich so enorm sein? Irgendwie bezweifle ich dass es dort viel besser aussieht..

    • Danke für den Hinweis. Betrachtet man die Next-Gen, wird die Wii U ja meist vergessen. Weiter ist Nintendo diesbezüglich auch nie wirklich diskutiert worden. Ich habe entsprechend noch einen kleinen Abschnitt angefügt.

  2. Hätte so etwas Nüchtern-Informatives nicht auf NbN erwartet. Dieser Artikel hätte mehr Aufmerksamkeit verdient! Danke für die Infos und Gratulation zum fast fehlerfreien und passenden Schreibstil.

  3. Es ist schon unglaublich, wie viel Mist mittlerweile verzapft wird. Ich frag mich bloss, wann endlich eine brauchbare Lösung daher kommen wird und kann… Wir werden immer mehr veräppelt, was solche „Nutzungsbedingungen“ angeht!

  4. Mich persönlich hat die NextGen dann doch irgendwie nicht beeindruckt. DIe Freude war da, aber der Zweifel die letzten Monate ebenso groß. Zu guter Letzt habe ich alle Vorbestellungen quasi Last Minute gecancelt und mich nach neuen PC-Komponenten umgeschaut. Da ist auch nicht alles besser, aber ich fand die letzten Monate irgendwie „uncool“. Dieses ständige hin und her und dies und jenes und überhaupt … ich glaube ich werde alt. Die PR-Politik von Microsoft etwa fand ich zum davonlaufen.😀

    Wobei ich Sony auch nicht viel besser fand. Kundenfreundlich geht irgendwie anders. Letztlich haben mich genau diese ganzen Reibereien, Dementis und Co. dazu bewogen, es mir vorerst anders zu überlegen.😉

    Irgendwann, schlage ich dann (vielleicht) zu. Derzeit aber wohl eher nicht.

    • Gerade mit Blick auf die Hardwareprobleme beider Konsolen (Überraschung: Auch die Xbox One hat bereits Probleme mit den Laufwerken) Lohnt sich das Warten immer. Spiele sind sowieso noch keine guten auf dem Markt. Daher habe auch ich meine Bestellung storniert und spiele erstmal meine 26 Titel durch, welche noch auf der Warteliste stehen.😉

  5. Pingback: Wenn der Anwalt den Nerd jagt… | Nerdy By Nerds

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