GTA III: Der Sandkasten öffnet sich

Ich will mal wieder einen Klassiker reviewen! Einen Klassiker mit einer enormen Bedeutung für die Spielelandschaft: GTA III, der erste 3D-Teil der hochpopulären Serie und Begründer des modernen Sandbox-Genres. Ich habe ihn damals nicht gespielt und stieg erst mit San Andreas in die Reihe ein. Höchste Zeit also, das nachzuholen!

Story

Die Story ist im Grunde sehr einfach und eigentlich auch nebensächlich. Der namenlose, das gesamte Spiel lang stumm bleibende Spielercharakter ist Teil einer Bande, die einen Banküberfall verübt. Allerdings verrät ihn dabei seine Freundin Catalina und schiesst ihn nieder. Der Protagonist überlebt und wird verhaftet. Als das kolumbianische Kartell (dem Catalina angehört) eine Befreiungsaktion durchführt, kommt ungewollt auch er frei. Das Ziel ist nun also naheliegend: Arbeite dich in der Unterwelt hoch und räche dich! Die typische GTA-Story also, aber die grosse Stärke liegt sowieso in anderen Bereichen. So gibt es eine grosse Zahl lustiger Charaktere, wie es sie nur in GTA geben kann, ein Setting, welches wie immer den „American Way of Life“ parodiert und natürlich all die kleinen versteckten Anspielungen und Witze.

Nerd-Fact:
Erst in San Andreas wird der Name des Protagonisten (Claude) und der Grund für seine stumme Rolle (er ist stumm) in einem Cameo enthüllt. Interessanterweise existierte der Name „Claude“ schon in GTA III, zumindest wenn man die Gamefiles durchsucht.

Gameplay

Das Gameplay führt eigentlich genau das fort, was in den 2D-Teilen angefangen wurde: Eine grosse Stadt zum Erkunden, die Möglichkeit Fahrzeuge zu stehlen, ein Fahndungssystem, kriminelle Missionen und die Freischaltung neuer Stadtteile durch ebenjene Missionen. Das ist das Kerngameplay der Serie, das bis heute gleich geblieben ist.

Im Detail bedeutet das eine Mischung aus Rennspiel-Elementen und Schiessabschnitten in der Dritten Person: Fahre von A nach B, töte Ziel C, beschütze Person D. Die Missionen sind alle ähnlich und trotzdem vielfältig, besonders dadurch, dass es oft mehrere Lösungswege gibt. Open World wird grossgeschrieben. Dementsprechend ist es nur logisch, dass somit auch die Möglichkeiten steigen. Man muss natürlich nicht Stunden mit blossem Herumfahren verbringen, aber es macht einige zeitbasierte Missionen deutlich einfacher, wenn man sich gut in Liberty City auskennt. Lohnend kann es auch sein, sich die Zeit für Nebenaufgaben zu nehmen. Denn so kommt man beispielsweise einfacher an nützliche Waffen wie Granaten und Scharfschützengewehre, die das Verbrecherleben merklich erleichtern.

Überhaupt lässt GTA II den Spieler schon aus einer anständigen Kollektion an Waffen wählen, die der zweifelhafte Held so richtig schön unrealistisch alle gleichzeitig mit sich herumschleppt. So gehört sich das! Ich könnte mich sonst nie zwischen Pistolen, Uzis, Schrotflinten, Raketenwerfern oder Molotovs entscheiden. Neben den Waffen gehören natürlich auch die vielen Fahrzeuge erwähnt, ohne die kein GTA komplett wäre. Bei diesem Teil ist die Auswahl noch deutlich eingeschränkter (es fehlen Motorräder und Helikopter) und besteht hauptsächlich aus Autos. Nur ein Flugzeug ist dabei, der klassische Dodo. Wer damit fliegen will, sollte sich einige Zeit fürs Üben reservieren. Ansonsten gibt’s Klassiker wie den Banshee, die Missions-Fahrzeuge (Polizei, Feuerwehr, Krankenwagen), den rasend schnellen Infernus, eine Auswahl an Booten und natürlich auch das ultimative Zerstörungswerkzeug, den Panzer. Längst noch nicht so vielfältig wie die Nachfolger also, aber trotzdem genug, um Spass zu haben. Durch die versteckten Monster-Stunts (Zeitlupen-Sprünge) und die Irrsinns-Stunt-Boni wird man sogar noch für coole Fahrmanöver belohnt. Für mich ein Teil, der die Reihe schon immer mit ausgemacht hat.

Man kann bestimmt herauslesen, dass GTA III kein allzu realistisches Spiel ist. Wem das nicht schon beim Anblick der comichaften Artworks aufgefallen ist, wird es spätestens beim Spielen bemerken. Die Fahrzeuge steuern sich viel leichter als in einem Rennspiel, das Kampfsystem ist nicht sehr komplex und es gibt Geld für Explosionen und Kills, ganz im Arcade-Stil. Und wisst ihr was? Das ist gut so. Ich mochte bei GTA immer zwei Dinge: Den Humor und den Spielspass. Was kann es besseres geben, als einen unmöglichen Stunt direkt auf einem entgegenkommenden Fahrzeug zu landen? Sich mit einem Waffenarsenal auszutoben, dass für den Dritten Weltkrieg ausreichen würde (ja, auf mich ihr Jugendschützer!)? Auszuprobieren, auf wie viele Dächer man wohl mit einem Lastwagen gelangen kann? Wer braucht Realismus, wenn er Spass haben kann?

Kritik

Kommen wir noch zu den negativen Aspekten, die man bei einem Review nicht ausklammern darf. Ich will hier nicht auf unnötige Zensurmassnahmen in gewissen Ländern eingehen, ich denke wir alle wissen was von solchen Praktiken zu halten ist. Meine Wertung wird sich ausschliesslich auf das ursprüngliche Produkt beziehen. Meine einzige Botschaft an die Moralapostel und „Jugendschützer“: Zwei Mittelfinger.

Es gibt in GTA III des öfteren einige kleinere Bugs, so wie merkwürdiges Verkanten von Fahrzeugen in gewissen Ecken und umgefahrenen Objekten, der kurze Aussetzer der Radios (die ich aber eher auf ein Kompatibilitätsproblem mit Windows 7 zurückführen würde). Trotzdem ist das jetzt nichts was wirklich von Bedeutung wäre. Etwas ärgerlicher finde ich hingegen die Funktionsweise von Explosionswaffen: Der Radius ist miserabel! Man trifft mit Granaten oder Raketen nie dann, wenn man auf eine scheinbar richtige Weise zielt. Vielmehr erscheinen Treffer sehr zufallsbedingt. Entweder ist also der Radius winzig, oder die Hitbox unlogisch. Ich kann mich in San Andreas nicht erinnern, solche Probleme gehabt zu haben.

Bei den Missionen gäbe es zu bemängeln, dass sie teils wirklich nur durch das frustrierende Trial & Error-Prinzip zu bewältigen sind, oder aber den Spieler ungenügend aufklären was zu tun ist. Schlimmste Mission: Die mit den Kaffeeständen – und zwar mit Abstand. Wer das Spiel kennt, wird mich sofort verstehen. Der Frustfaktor wird verstärkt durch die zweitgrösste Schwäche des gesamten Spiels: Das Fehlen einer Weltkarte. Es gibt zwar einen kleinen Ausschnitt im HUD, aber keine Karte in einem Menü. Dabei wäre eine solche dringend benötigt, um Markierungen leichter zu folgen und wichtige Orte wie das Pay ’n‘ Spray zu finden. Eine offensichtliche Kinderkrankheit.

Aber ich sagte ja, dies sei nur die zweitgrösste Schwäche. Denn was mich am meisten an dem Spiel aufgeregt hat, ist das Gang-System. Das Prinzip ist leicht: Je nachdem, wie Claude zu einer bestimmten Gruppe steht (z.B Mafia, Yakuza, Triaden), verhalten sich deren Mitglieder friedlich… oder eben nicht. Das Problem ist nun: Im Verlauf der Story verfeindet sich der gute Claude nun mal mit so ziemlich jeder Fraktion der Unterwelt von Liberty City und es gibt nichts, was man dagegen tun kann. Die Konsequenz ist, dass es schnell keine Gebiete mehr gibt, wo nicht auf den Spieler geschossen wird. Ja, das nervt – und zwar gewaltig! Es ist gegen Ende des Spiels schlichtweg nicht möglich, einfach mal entspannt durch die Gegend zu fahren, denn es wartet ja an schier jeder Ecke ein Typ mit Waffe. Auch die Haupt- und Nebenmissionen werden dadurch unnötig erschwert. Das gibt mindestens eine gelbrote Karte an die Adresse von Rockstar.

Bevor ich zum Fazit komme, muss noch ein ganz besonderer Pluspunkt erwähnt werden: Die Radiostationen. Dass GTA-Spiele in dieser Sache Wert auf Qualität legen ist bekannt, doch ich kann’s gern noch einmal sagen: Radiohören macht Spass! Die Musikauswahl mag kleiner sein als bei den Nachfolgern, aber letztlich ist das egal, denn die Dialoge der Moderatoren und die fiktive Werbung sind absolut grossartig! Nicht umsonst hat GTA-Radio den Effekt, dass einem beim zufälligen Hören eines darin enthaltenen Songs automatisch Assoziationen zum entsprechenden Spiel kommen. Der GTA-Effekt eben. „Fewer songs, more commercials!“, ich wünschte echtes Radio wäre so ehrlich…

Fazit

GTA III ist ein Meilenstein seiner Zeit. Bestimmt war es nicht das erste Spiel, das durch eine offene Spielwelt bestach, bestimmt aber eines der wegweisendsten. Trotz einiger Fehler, die ich als Kinderkrankheiten betrachte und deshalb verzeihe, haben wir es hier mit einem zurecht als Kult bezeichneten Spiel einer ebenso kultigen Reihe zu tun. Fakt ist: Gaming wäre heute nicht wie es ist, wenn GTA III nicht erschienen wäre. Oder versuchen wir’s anders: Wenn du gerade dabei bist, in rasender Geschwindigkeit Beweise über die nekrophilen Neigungen eines Medienmoguls zu vernichten, dir dabei eine Radiostation im Besitz ebenjenes Medienmoguls anhörst, und dort einem Typen zuhörst, der erzählt was für ein „Böser Junge“ er war und er deshalb dringend eine strenge Nanny brauche… Dann bist du mitten in GTA – wie es leibt und lebt!

8,5 von 10 vom Hauptcharakter nicht gesprochener Worte.

by Andypanther

2 Antworten zu “GTA III: Der Sandkasten öffnet sich

  1. Pingback: Allgemeine Artikel - Seite 11

  2. Ich erinnere mich wie ich GTA III mit Kollegen gezockt habe und dazumal waren wir alle geflashed von der offenen Spielwelt!
    Selbstständig durchgespielt habe ich aber erst das Vice City.. weleches wegen seinem besonderen flair nachwievor mein All time favorite GTA ist🙂

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