Muss James Bond ein weisser Mann sein?

Die Frage nach dem nächsten James Bond drängt sich auf, da der anstehende 25. Teil der Serie ohne Frage der letzte mit Daniel Craig in der Hauptrolle sein wird. In den Spekulationen über Craigs Nachfolge wird nun immer mehr auch darüber diskutiert, ob man Bond überhaupt erst als weissen Mann darstellen muss. Warum nicht ein asiatischer oder ein weiblicher Bond? Die Frage nach der Identität kann man sich bei vielen fiktiven Personen stellen, aber kaum ein Beispiel ist so interessant wie Bond, der Inbegriff eines veralteten Machotums.

Wer einen weiblichen Bond vorschlägt, muss sich bewusst sein, mit was für Fans man hier konfrontiert ist: Als klar war, dass Daniel Craig der neue Bond-Darsteller sein würde, galt dies in weiten Kreisen als vollkommen inakzeptabel, schlichtweg, weil Craig blonde Haare hat. Es reicht für diesen Teil der Fanbasis nicht aus, wenn Bond ein weisser Brite ist, er muss auch optisch so nah wie möglich an der literarischen Vorlage von Ian Fleming sein. Es erklärt sich von selbst, dass solche Vorstellungen nicht produktiv sind, sie sind viel zu limitierend.

Der literarische und der filmische Bond sind zwei komplett unterschiedliche Figuren, schon von Anfang an. Und seit dem 21. Film, also dem ersten mit Craig, gibt es auch mindestens zwei filmische Bonds, da damals eine andere Kontinuität eingeführt wurde. Auch zuvor waren die Filme nur höchst lose miteinander verknüpft, es gab nur einige kleinere Hinweise darauf, dass alle Schauspieler von Sean Connery bis Pierce Brosnan denselben Bond verkörpern. Eine populäre Fantheorie war die sogenannte „Codename Theory“, wonach „James Bond“ lediglich ein Codename innerhalb des MI6 sei, der von unterschiedlichen Agenten benutzt wurde. So liesse sich erklären, warum Bond von den 60ern bis zur Jahrtausendwende aktiv war und dabei auf mysteriöse Weise nie zu alt wurde.

Ist es in diesem Kontext wirklich so undenkbar, etwa Bonds Hautfarbe zu ändern? Wir wissen, dass der filmische Bond die Herkunft von Bond aus den Büchern beibehält, als Sohn eines Schotten und einer Schweizerin. Seine Eltern sterben beide bei einem Skiunfall und Bond wird daraufhin von seiner Tante grossgezogen und geht später an ein Elite-Internat. Erst die zweite filmische Kontinuität geht überhaupt auf diese Dinge ein. Alles in allem gibt es keinen Teil der Biografie von Bond, der ihn zwingend als weissen Mann festlegt. Erst recht, wenn man sich immer weiter vom zeitlichen Kontext des 20. Jahrhunderts entfernt.

Bliebt noch der Aspekt von Bond als Relikt einer Machokultur vergangener Jahrzehnte. Also das Argument, wonach der Reiz der Serie eben genau darin bestehe, dass diese Figur von jeder filmischen Epoche neu interpretiert werden muss. Dieses „Interpretieren“ bestand aber konkret daraus, dass man Bond die schlimmsten Auswüchse seines Sexismus abgewöhnt hat. Bond schlägt keine Frauen mehr wenn sie ihm mal zu „hysterisch“ werden und er schickt sie auch nicht mehr mit einem Klaps auf den Hintern weg, damit er „Männergespräche“ führen kann. Das interessanteste was in dieser Hinsicht gemacht wurde, war Bond eine weibliche Vorgesetzte zu geben, Judi Dench als M. Es gab auch einmal einen weiblichen Bond-Villain sowie mehrere „Henchwomen“, was aber oft vergessen wird. Aber, werden manche dann sagen, wenn Bond eine Frau ist, was wird dann mit den Bond Girls? Werden die dann zu Bond Boys oder wird Bond einfach lesbisch? Für mich ist das kein Problem, soll Bond einfach bisexuell sein, egal ob die Figur nun männlich oder weiblich ist, das ist ohnehin spannender (und ist eh bereits Teil meines „Personal Canon“).

Meiner Meinung nach kann man mit der Figur des James Bond gar nicht genug experimentieren. Die Serie lebt nicht von Bonds Identität sondern von dieser ganz spezifischen Mischung aus extravaganter Action, Gadgets, wechselnden Schauplätzen, exzentrischen Bösewichten mit absurden Plänen und immer neuen tödlichen Situationen, aus denen Bond sich befreien muss. Hinzu kommen die kleinen Rituale wie das Bestellen des Wodka Martini oder Bonds Vorstellung („Bond, James Bond“) und natürlich die traditionellen Stilmittel der Gunbarrel-Scene, der Pre-Title Sequence und der Title Sequence. Diese Dinge immer wieder neu zu interpretieren, das macht für mich Bond aus.

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